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“Eine ganze Kindergeneration muss noch damit leben. Das ist lachhaft”

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Die Zahl übergewichtiger Kinder stagniert auf hohem Niveau. Der Berliner Kinderarzt Jakob Maske über die Folgen von Julia Klöckners Reformplänen.

Fertigprodukte enthalten häufig viel Zucker, Salz und Fett. Sie sind einer der Hauptgründe für Übergewichtigkeit bei Kindern.

Herr Maske, was machen Zucker, Fett und Salz mit Kindern?

Sie wirken sich dahingehend aus, dass es vermehrt Kinder mit Übergewicht oder Adipositas, dem krankhaften Übergewicht, gibt. Deshalb fordern wir im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte schon lange eine Kennzeichnung der Lebensmittel. Ebenso fordern wir seit langem Zucker-Steuern. Das heißt, dass beispielsweise zuckerhaltige Getränke deutlich teurer werden müssen, damit Kinder nicht mehr so schnell diese ungesunden Getränke konsumieren können.

Hat Übergewichtigkeit bei Kindern in den vergangenen Jahren zugenommen?

Es ist ein dringendes Problem. Zwar hat es in letzter Zeit etwas stagniert – aber auf hohem Niveau. Insgesamt nimmt es zu.

Bundesernährungsministerin Klöckner hat nun mit der Industrie vereinbart, dass bis zum Jahr 2025 in Fertigprodukten weniger Zucker, Salz und Fett enthalten sein sollen. Sind Fertigprodukte der Grund allen Übels bei Übergewichtigkeit von Kindern?

In der Regel enthalten Fertigprodukte einfach sehr viel Zucker, Salz und Fett. Das ist größtenteils nicht richtig gekennzeichnet und ist eines der Dinge, das ursächlich für Übergewichtigkeit ist. Änderungen sind erst bis 2025 vorgesehen – das sind noch 7 Jahre. Das heißt, dass noch eine ganze Kindergeneration damit leben muss. Das ist ja eigentlich lachhaft.

Sie sind also der Meinung, dass diesbezüglich viel schneller was passieren müsste?

Ja. Das sind Forderungen, die schon lange auf dem Tisch liegen. Man hätte sich bereits viel früher Gedanken machen können, das schnell umzusetzen.

Jakob Maske ist Kinder- und Jugendarzt in einer Gemeinschaftspraxis sowie Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und…

Welche Rolle spielen Eltern für die Ernährungsgewohnheiten ihrer Kinder?

Da gibt es natürlich die Vorbildfunktion. Es gibt aktuell eine gute Krankenkassenstudie von der DAK, die klar zeigt, dass Kinder aus einem sozial schwachen und bildungsfernen Haushalt besonders stark gefährdet sind – vielmehr als Kinder, die aus einem bildungsnahen Hintergrund kommen und nur „arm“ sind. Natürlich sind es dann auch die Eltern, die nicht gut erklären können, dass ein bestimmtes Nahrungsmittel ungesund ist.

Wie kann man die Situation dieser Familien verbessern?

Wenn ein Produkt nicht deutlich gekennzeichnet ist, kann man vieles nur im Kleingedruckten lesen, zum Beispiel wieviel Kalorien in einem Getränk sind. Und dann muss man das noch umsetzen können, nämlich wieviel der Körper davon täglich braucht. Das ist für bildungsferne Familien schwieriger zu greifen. Wenn man die Produkte aber gut kennzeichnen würde und sagt, hier ist so viel Zucker drin und das ist ungesund, dann ist das deutlich verständlicher für alle.

Was sind die gesundheitlichen Folgen des übermäßigen Konsums von Zucker, Salz und Fett für Kinder?

Sie bewegen sich weniger, sie machen weniger Sport. Das ist schlecht für ihre Gelenke, sie knicken schneller um, die Knie sind holpriger. Die Kinder sind häufiger krank. Langfristig verändern sich die Gefäße und als Erwachsener tritt schneller ein Herzinfarkt ein. Zudem nimmt Diabetes zu – das auch schon im Kindesalter. Und natürlich ist es auch so, dass Kinder, die dick sind, häufiger gehänselt werden und in der Folge psychische Probleme haben.

Was empfehlen Sie den Eltern übergewichtiger Kinder?

Auf drei Grundsachen ist zu achten: Ernährung, Getränke und Bewegung. Die Ernährung sollte gesund sein, mit wenig Zucker und wenig Fetten. Zudem auch wenig Salz. Die Getränke sollten möglichst Wasser oder ungezuckert sein. Bewegung sollte mindestens zwei- bis dreimal die Woche eine halbe Stunde – am besten im Sportverein – stattfinden. 

Jakob Maske ist Kinder- und Jugendarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Berlin sowie Berliner Pressesprecher des BVKJ (Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.).

 

 

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