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Wie Schule die Sprache verarmt

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Schreiben wird schon in der Schule zu sehr verregelt, analysiert der Autor Markus Franz – zu Lasten von Verständlichkeit und Verständigung. Ein Lesetipp.

Schreiben wird in der Schule zu sehr verregelt, findet der Autor Markus Franz – zu Lasten von Verständlichkeit und Verständigung.

Sprache ist familiäre Verständigung, politisches Kampfwerkzeug und ewige kulturelle Baustelle – nicht erst dieser Tage als verroht und simplifiziert gegeißelt, als Schlüssel für gesellschaftlichen Diskurs umschwärmt und als Unterrichtsinhalt hoch umstritten. Und nun auch das noch: Lehrer können nicht richtig schreiben? Oder gar nicht. Der Titel von Markus Franz’ Buch ist gleich eine steile These, samt appellativem Ausrufezeichen: „Lehrer, Ihr müsst schreiben lernen!“ 

Seine Sprachfähigkeit erwirbt der Mensch zunächst zwischen Verwandten, Freunden und Nachbarn. Dann kommen Kita, Schule, Uni – und Vielfalt, Schönheit, Klarheit des Sprechens und Schreibens sind schon wieder futsch? Das ist einer der zentralen Vorwürfe, die Markus Franz dem Bildungssystem macht. Er hat auf einer Tour durch die deutsche Bildungslandschaft untersucht, wo unsere Sprache geprägt wird – und welche Folgen diese Prägung für die Entwicklung der deutschen Sprache in Politik und Gesellschaft hat.

In Gesprächen mit Lehrerinnen und deren Lehrern, mit Bildungswissenschaftlern, -politikern und -verwaltern, Autorinnen und Schülern wird deutlich, wie Sprache systematisiert wird. Sie soll ja schließlich mit den Nachbarskindern (und im Namen des Standorts und seiner Bildungsqualität möglichst auch weltweit) vergleichbar sein, institutionell geprüft und bewertet. Die Benotung von Fantasie, Vielfalt und Genauigkeit ist schwierig – sie gehen dabei leicht verloren. Rechtschreibung, Satzbau, Formen und Formeln, akademischer – oder so wirkender – Stil mit möglichst eindrucksvoller Fachsprache machen ein „richtig“ oder „falsch“ einfacher. So wird Sprache objektivierbar – verregelt und verriegelt, zulasten der Verständlichkeit und Verständigung.

Schreiben und Sprechen wollen gelernt und geübt sein.

Mit anderen Worten

Franz’ Mission wirkt in der Diagnose oft arg hoffnungslos, in ihrer Konsequenz provozierend. Doch gerade seine als Dialoge notierten Gespräche strotzen vor machbaren Verbesserungsvorschlägen – und Lust darauf: gegen die Macht der Hauptworte etwa, für kurze Sätze, für bildliche Sprache statt Fachchinesisch. Apropos: Franz erinnert nebenbei an die Macht der Schule, der Lehrer (ob sie wollen oder nicht), ihrer Analysten und Bewerter. Das geht nicht nur Lehrer an. Denn „Politik vollzieht sich in Sprache“, wie der SPD-Politiker Erhard Eppler einmal gesagt hat. Politiker rühmen sich auch heute gern der „klaren Kante“ ihrer Reden und Programme, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verlangt mahnend „eine gewisse Disziplin bei der Sprache“ und beklagt ihre „Verrohung“, Grünen-Chef Robert Habeck hat gerade ein ganzes Büchlein veröffentlicht, in dem er sich um politische Sprache und Kommunikation sorgt.

Tatsächlich rutschen Fakes und Fakten mit Gemeintem durcheinander, Kürze ersetzt Klarheit: alles im Namen des freien Meinungskampfes. Doch das sprechende und schreibende, hörende und lesende Gegenüber im Alltag, auch im politischen Streit, als einmaliges Individuum zu erleben – das fängt bei der Sprache an. Anspruchsvoller zu schreiben, genauer zu lesen, mehr zu denken, Zwischentöne zu suchen und Vielfalt als Genauigkeit zu verstehen, das wäre auch auf Facebook und Twitter ein Gewinn. Worte, überzeugend formuliert und empathisch verstanden, sind Auswege aus Elfenbeintürmen und Meinungs-Blasen. Es müsste uns Dichtern und Denkern nur jemand beibringen. Die Lektüre dieses Buches könnte ein Anfang sein.

Markus Franz: Lehrer, ihr müsst Schreiben lernen!, Correct!v 2017, 252 Seiten, 20 Euro

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