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Straffe Leitung und gutes Klima

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Sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler erreichen bessere Leistungen, wenn der Unterricht geordnet abläuft. Auch stabile Lehrerkollegien tragen zu einem guten Schulklima bei

Schulische Aktivitäten am Nachmittag. Wer sich seiner Schule verbunden fühlt, lernt besser.

Warum können Jugendliche auch dann in der Schule erfolgreich sein, wenn sie aus einem sozial benachteiligten Elternhaus kommen? Die Schülerinnen und Schüler erbringen dann gute Leistung, wenn sie an Schulen mit hoher sozialer Mischung unterrichtet werden, der Unterricht in einem geordneten Rahmen stattfindet und das Schulklima gut ist. Das ist das Ergebnis einer Sonderauswertung der Pisa-Studie der OECD, die von der Vodafone Stiftung unterstützt wurde.
Dabei untersuchten die Forscher die „Resilienz“ sozial benachteiligter Schüler, in der Pisa-Studie verstanden als ihre Fähigkeit, trotz der widrigen Umstände ihrer Herkunft, mindestens die Kompetenzstufe drei zu erreichen und damit die Voraussetzung für eine aktive gesellschaftliche Teilhabe zu erwerben. Als sozial benachteiligt wurden diejenigen Schüler eingestuft, die aufgrund des Bildungsstands und Berufs ihrer Eltern sowie aufgrund der im Haushalt verfügbaren kulturellen Güter, etwa Bücher, in ihrem Land zum unteren Viertel gehören.
Verschiedenen Länder gelingt es, nicht nur insgesamt starke Schülerleistungen zu haben, sondern auch eine hohe Chancengerechtigkeit. Andreas Schleicher, Bildungschef der OECD nannte am Montag als Beispiele Japan, Finnland, Estland und Kanada. Besonders die USA, aber auch Chile und Bulgarien hätten sich bewegt. Auch in Deutschland sei die Gesamtleistung der Schüler nun überdurchschnittlich. Und gehörten hier im Jahr 2006 nur ein Viertel der sozial schwachen Schülern zu den resilienten, waren es im Jahr 2015 schon ein Drittel. Das ist der größte Zuwachs unter den OECD-Ländern.

“Chancengerechtigkeit bleibt die größte Herausforderung”

„Doch die Chancengerechtigkeit bleibt die größte Herausforderung für Deutschland“, sagte Schleicher. Zwischen den zehn Prozent der sozial Schwächsten und den zehn Prozent der sozial Stärksten klaffe ein Leistungsschere von vier bis fünf Schuljahren. Den höchsten Anteil resilienter Schüler haben der Pisa-Studie zufolge Hongkong (China) mit 53 Prozent und Macao (China) mit 52 Prozent.
Ein Schlüsselfaktor für Resilienz ist das Schulklima, wie die Pisa-Forscher feststellten. Ist es für den Unterricht typisch, dass die Lehrer am Anfang lange warten müssen, bis die Schüler ruhig werden und dass die Schüler kaum zuhören oder schwänzen, erzielen sozial benachteiligte Schüler schlechtere Ergebnis als in einem geordneten und disziplinierten Lernumfeld. In Deutschland haben sozial benachteiligte Mädchen eine signifikant geringere Chance auf Resilienz als sozial benachteiligte Jungen. Im OECD-Schnitt halbiert sich die Chance auf Resilienz, wenn die Schüler zu Hause nicht die Unterrichtssprache sprechen.
Besser schneiden benachteiligte Schüler demnach besonders dann ab, wenn sie gemeinsam mit bessergestellten Schülern unterrichtet werden. Möglicherweise könnten die Schüler einander dann eher positiv beeinflussen und besser unterstützen, heißt es. Vielleicht hätten Schulen, in denen es auch sozial bessergestellte Schüler gebe, auch eine bessere Ausstattung und bessere Lehrkräfte. Oder sozial benachteiligte Schüler würden „an einer Schule mit günstigerem Schulprofil“ mehr Aufmerksamkeit bekommen. Schleicher betonte, die Anwesenheit von sozial benachteiligten Schülern schlage sich nicht negativ auf die Leistung bessergestellter Schülern nieder.

OECD-Bildungschef Andreas Schleicher lobt den Ausbau der Ganztagsschule in Deutschland

Auch schulische Aktivitäten jenseits des Unterrichts gehen mit einem höheren Anteil resilienter Schüler einher. In Deutschland sei dieser Zusammenhang „vergleichsweise stark“ ausgeprägt. Schleicher lobte die Anstrengungen für den Ausbau der Ganztagsschule.
Ein resilienzförderndes Schulklima wird ferner besonders durch stabile Lehrerkollegien gefördert. Instabilen Kollegien fehle der Zusammenhalt und die gemeinsame Erfahrung, „um auch unter schwierigen Bedingungen ein effektives Lernumfeld aufzubauen“. Um junge Lehrkräfte schnell an die Schule zu binden, könnten Mentoringprogramme durch erfahrene Lehrkräfte helfen. Schleicher betonte die Rolle der Schulleitungen. Schulleiter, die die Lehrkräfte von ihrer Mission überzeugen und mit einbeziehen, trügen zu einem positiven Schulklima bei.
Wenig Einfluss auf die Resilienz sozial benachteiligter Schüler hat der Studie zufolge die Klassengröße. So seien die Gruppen in Deutschland nicht besonders groß, sagte Schleicher. In anderen Ländern, etwa in Asien, gebe es zwar größere Klassen. Doch dafür würden Lehrkräfte viel stärker gemeinsam an ihrem Unterricht arbeiten. Und etwa in Singapur würden pro Lehrkraft jährlich 100 Stunden in Weiterbildung investiert.

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