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“Spielen ist Leben lernen”

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Die Professorin und Spieledesignerin Karin Schmidt-Ruhland über Regeln beim Spiel, Flunkern und aufgeschlagene Kinderknie. Ein Interview.

Ein guter Spielplatz ist einer, auf dem Kinder sich ausprobieren können, klettern, balancieren und vielleicht auch mal hinfallen.

Das Thema Spielen und Lernen durchzieht alle Lebensphasen und gesellschaftlichen Bereiche. Deshalb geht es bei der Studienrichtung „Spiel- und Lerndesign“ an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle auch nicht nur um das Spiel der Kinder. Dort beschäftigen sich die Studierenden auch mit dem Spiel von Erwachsenen, der Bedeutung des Spiels in Prozessen der Wissensvermittlung und -aneignung und schließlich der Rolle des Spielerischen in sozialen und kreativen Prozessen allgemein. Karin Schmidt-Ruhland hat seit 2007 die Professur in diesem Studiengang.

Frau Schmidt-Ruhland, spielen Sie gerne?

Ja, klar. Ich spiele gerne Gesellschaftsspiele – auch in größeren Gruppen. Und früher habe ich gerne mit Lego gespielt.

Was bedeutet für Sie lebenslanges Spielen?

Wenn der Mensch geboren wird, eignet er sich die Welt spielerisch an. Spürt, tastet, macht was nach, wiederholt. Und er macht das völlig frei – Babys lassen sich ja noch nichts sagen. So erobern wir uns spielerisch die Welt. Und eigentlich wünschen wir uns ja alle, dass wir diese Haltung ein Leben lang beibehalten. Schließlich müssen wir ja immer wieder Neues lernen und Spielen hat viel mit Aneignung zu tun.

Karin Schmidt-Ruhland ist Professorin am Studiengang “Spiel- und Lerndesign” an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Darf man beim Spielen machen, was man will?

Man spricht ja beim Spielen oft auch vom „freien Spiel“, sozusagen ohne Einschränkungen. Trotzdem braucht ein Spiel auch Regeln. Beim Versteckspiel gilt zum Beispiel: Augen zuhalten, damit ich nicht sehe, wo die anderen sich verstecken. Das Spiel macht nur Spaß, wenn ich diese Regel einhalte. Oder aber, wenn ich flunkere, also auch mal durch die Hände gucke, das erhöht möglicherweise noch den Spielreiz.

Wie blickt der Designer auf das freie Spiel?

Designer überlegen sich das nicht nur konzeptionell. Sie wollen auch ein Produkt entwickeln. Dabei geht es auch immer darum, dass so ein Produkt Freiheiten lässt. Dass also nicht so viel vorgegeben wird, dass ich am Ende gar nicht mehr spielen kann. Es muss dem Kind – wie auch später dem Erwachsenen – der Freiraum gelassen werden, das Spiel selbst zu interpretieren. Das Feld des Spielens ist dabei weit gefasst. Es gibt Glücksspiele, Wettspiele, auch Fußball ist schließlich ein Spiel. Es gibt Spielräume im öffentlichen Raum, in denen ich animiert werde, spielerisch tätig zu sein.

Wie gehen Sie in Ihrem Studiengang vor?

Als Grundlage beschäftigen wir uns zum Beispiel mit Spieleklassikern. Wir prüfen: Wo ist unser Spiel entstanden? Wir betrachten es von der Philosophie, der Soziologie her. Wir sagen nicht nur: Wir brauchen einen neuen Ball, also machen wir einen. Sondern: Was für einen Ball brauchen wir, wie müssen wir ihn entwickeln? Wir öffnen auch bekannten Themenfelder immer wieder neu, um den Spielwert und den Spielreiz in den Vordergrund zu spielen. Man glaubt gar nicht, wie spannend dieses Feld sein kann. Auch im Arbeitsumfeld kann man ja immer wieder überprüfen: Wie lockere ich das? Wie kriege ich das spielerischer hin?

Ist das wie ein Lebensmotto?

Wir reden ja immer wieder von „spielerischer Herangehensweise“. Es ist leichter, spielerisch an etwas heranzugehen, es locker zu überprüfen. Das gilt eigentlich für jeden Lebensbereich.

Was lernt man beim Spiel?

Wahnsinnig viel vom Leben. Spiel ist Leben lernen – auch wenn das Spiel frei sein muss. Spielen kann ich nur dann, wenn ich keinen Zwang habe. Aber trotzdem lerne ich natürlich dabei. Dabei ist es egal, womit man spielt – es ist immer ein Miteinander. Ob es andere Menschen sind oder Gegenstände: Ich begegne immer jemand oder etwas Anderem.

Bleibt das auch so, wenn man älter wird?

Man sagt ja oft, dass wenn wir älter werden, wir das Spielen verlernen. Man nennt es dann vielleicht nicht mehr so. Wie beim Fußball. Da gehen doch alle mit, bei Siegen wie bei Niederlagen. Es ist zwar nicht das, was man selber tut, sondern man guckt einem Spiel zu. Trotzdem ist es ein Spiel.

Kann so auch im Büro, in dem viele für sich an ihrem Bildschirm arbeiten, das Gemeinschaftsgefühl wieder geweckt werden?

Ja. Viele Firmen planen mittlerweile Unternehmungen oder spielerische Aktivitäten, damit es ihren Mitarbeitern besser geht, damit sie mehr Spaß am Arbeitsplatz haben. Zum Beispiel indem ein Kicker oder eine Tischtennisplatte ins Büro gestellt wird. Es gibt so viele Bereiche, in denen Spielen und Lernen eine Rolle spielen kann, das ist toll.

Bringt das denn auch etwas?

Auf alle Fälle. Es hat nicht nur gesundheitliche Aspekte, den Kicker ins Büro zu stellen. Diese Freiheit „zu dürfen“ ist großartig. Dass das Spielobjekt im Raum steht, bedeutet ja, dass es erlaubt ist, in der Arbeitszeit zu spielen. Das ist ja schon ein Riesenschritt. Das baut Spannungen ab und unterbricht die Routine. Die Augen können danach wieder gerade gucken. Für diese Veränderungen in der Arbeitswelt braucht es Akzeptanz und Toleranz.

Was ist ein gutes Spielzeug?

Ein Spielzeug, das die Freiheit lässt, zu spielen. Es gibt ja Spielzeuge mit ganz konkreter Anleitung… da wird gebaut, gebaut… dann ist es fertig. Und dann? Aber da spaltet sich natürlich auch die Kinderwelt. Es gibt einfach die Konstrukteure, und Baukästen sind natürlich etwas ganz Tolles.

Sie haben einen Kindergarten an der Kunsthochschule. Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?

Zwischen unseren beiden Standorten haben wir eine Kita gebaut, die wurde 2014 eröffnet. Sie wird aber nicht von uns betrieben. Insgesamt sind 50 Kinder dort, die Hälfte von ihnen sind Kinder von Mitarbeitern oder Studenten der Kunsthochschule, die anderen kommen aus der Stadt. Damit haben wir natürlich ein Forschungsfeld, das wir beobachten können. So wie auch andere Einrichtungen. Wir kommen mit den Studierenden dahin, beobachten die Kinder und müssen uns empathisch einfinden, um als Gestalter Probleme zu entdecken. Wir reagieren also nicht auf vorgegebene Anforderungen, sondern müssen durch die Beobachtung selbst interpretieren. Das muss man lernen in unserer Ausbildung: zu erkennen, was das Problem ist.

Können Sie Beispiele für Arbeiten in Ihrem Studiengang nennen?

Im vergangenen Semester haben wir uns unter anderem mit einem alten Spielzeug, dem Kreisel, beschäftigt und sind damit quasi durch alle Werkstätten der Burg gegangen. Themen sind dann nicht nur die Geschichte des Kreisels, sondern auch Materialien oder Rotationssymmetrie. Wir haben Porzellankreisel gemacht, Betonkreisel, Holz und Kunststoff verwendet, einen Tornadokreisel gefertigt und damit auch die entsprechende Technologie eingebracht. Die Ergebnisse werden ab Ende April in einer Ausstellung in Zella-Mehlis gezeigt. In einem zweiten Projekt haben wir uns mit der „Union sozialer Einrichtungen“ in Berlin zusammengetan. Dabei ging es darum, Spielprodukte zu entwickeln, die Menschen mit Beeinträchtigungen auch produzieren können. Es ist etwas anderes, als Student sein Objekt selber zu bauen oder eben in die Produktion zu gehen. Wir haben also in deren Werkstätten hospitiert und zugeschaut, was die können. Dementsprechend wurde das Produkt entworfen. Die Studenten haben zum Beispiel Schablonen für die Mitarbeiter hergestellt, die diese dann – mit Toleranzen – verwenden konnten. Hier ging es darum, dass man auch mit Toleranzen leben muss, dass eben nicht jede Ecke gleich wird. Das war ein sehr, sehr schönes Projekt.

Spielräume im öffentlichen Raum werden ja immer sicherer gemacht oder eingeschränkt – aus Angst um die Gesundheit der Kinder. Wie sehen Sie das?

Da würde ich mit dem Spielplatzdesigner Günter Beltzig mitgehen und sagen, man kann sich ruhig mal das Knie aufschlagen. Warum auf Spielplätzen nicht die Steine lassen? Warum liegen überall Fallschutzmatten? Das hat dann wieder mit der Gesellschaft zu tun, mit der Frage nach der Verantwortung, mit Regressansprüchen. Aber für das Spiel brauchen Kinder Naturmaterialien und das körperliche Erlebnis, dass nicht immer alles einfach geht. Der Umbau von Spielplätzen zu mehr Sicherheit macht sie für Kinder uninteressanter und lebensferner.

Wir hingen in meiner Kindheit im Schweinebammel von der Klopfstange, haben uns dabei kaputtgelacht und manchmal ist einer runtergefallen und hat sich wehgetan. Das gibt es heute gar nicht mehr, oder?

Nein. Dabei gehört ja auch zu Kindheit und Spiel, Erfahrungen zu sammeln. Nur, wenn man solche Erlebnisse hat, lernt man, vorsichtig zu sein.

Was war Ihr persönliches Lieblingsspielzeug in der Kindheit?

Ich war ein Fan von Steiff-Tieren. Die waren sehr teuer und es war nicht so, dass meine Eltern sich das einfach leisten konnten. Ich komme aus einer Familie mit vielen Kindern, habe gerne gemalt und war gerne für mich. Und immer, wenn die anderen unterwegs waren und ich zu Hause blieb, bekam ich ein Kuscheltier. Ich hatte zum Schluss zehn Stück.

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