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Gastkommentar von Dirk Metz zur neuen „Spiegel“-Affäre: Die große Glaubwürdigkeitsfrage

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Der Chefredakteur des Tagesspiegels nannte ihn einen „Tag voll mahnender Fragezeichen“. Er meint diesen Mittwoch, an dem der „Spiegel“ Manipulationen eines eignen Redakteurs bekanntgab. Ein Journalist, der für seine tiefgreifenden Reportagen bekannt und vielfach ausgezeichnet worden war und bei dem heute klar ist, dass er jahrelang Fakten und Fiktion vermischte.

Diese gravierenden Fälschungen werfen ein gefährliches Schlaglicht auf die Glaubwürdigkeit eines Berufsstandes, der durch sinkende Auflagen, den Auftrieb sozialer Medien gerade beim jungen Publikum und unter dem Vorwurf von Fake News unter Druck geraten ist. Dass die 99-Cent-Zeitschrift „Freizeitwoche“ offenbar immer wieder Interviews mit Hollywood-Stars gefälscht haben soll – ein starkes Stück. Auch dass die Chefin zweier Regenbogenblätter erklärte, mit Fakten, aber auch Fiktionen zu arbeiten, macht es nicht besser. Aber bei der „Yellow Press“ drücken wir Leser illusionslos vielleicht ein Auge zu. Höhere Wellen schlug der Skandal um die deutsche Ausgabe des „Playboy“, in der ein Interview mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone in Teilen verfälscht worden war. Doch der Vorfall jetzt hat eine neue Dimension: Er greift die Glaubwürdigkeit des renommiertesten deutschen Medientitels an, er wirft Fragezeichen auf, die nicht nur bei Verschwörungstheoretikern, Besserwissern und Populisten zu wütenden Ausrufezeichen führen könnten. Und er lässt Ältere an die 80er-Jahre zurückdenken, in denen der „Stern“ voller Stolz Fälschungen von Hitler-Tagebüchern veröffentlicht hatte.

Doch gerade heute, in einer so schnelllebigen Welt, in der zwischen Schwarz und Weiß immer weniger die Grautöne gesucht werden, in der schnelle Pushnachrichten oft Vorrang vor gut recherchierten Hintergrundgeschichten haben und es auf 280 Zeichen keinen Platz für fundierte Analysen mehr gibt, hat der Journalismus die wichtige Aufgabe, mit seiner Arbeit für eine ehrliche und differenzierte Betrachtung zu werben. Das ist Auftrag und Chance zugleich. Denn nach wie vor genießen Printmedien – insbesondere die Zeitungen – und öffentlich-rechtliches Fernsehen mit weitem Abstand die meiste Glaubwürdigkeit. Diese ist ein kostbares Gut, das zu schützen sich lohnt, um gegen die Kostenlos-Kultur im Netz Bestand zu haben.

UNSER GASTAUTOR

Dirk Metz ist Inhaber einer Agentur für Kommunikation und Krisenkommunikation. Zuvor war der gelernte Journalist elf Jahre Sprecher der hessischen Landesregierung. Er sagt: Die neue „Spiegel“-Affäre wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, denen sich der Journalismus stellen muss.

Fakten und Fiktion dürfen nicht vermischt werden. Meldungen gehören sorgfältig geprüft und nicht in Sekundenschnelle rausgehauen. Und dennoch verkündete eine Nachrichtenagentur im Sommer den Bruch zwischen CDU und CSU, Basis war die Falschmeldung eines Satirikers. Zahlreiche Redaktionen veröffentlichten die vermeintliche Schlagzeile. In Features fließen Nachrichten und Kommentare zunehmend nahtlos ineinander über. Dabei sind sachliche Berichterstattung und persönliche Meinung zwei Paar Schuhe. Journalisten sind weder Aktivisten noch Richter und sollten sich auch nicht so verhalten. Wenn Journalisten in dem ungebrochenen Willen, die Populisten doch endlich zu entzaubern, AfD-Politikern so tendenziöse Fragen stellen, dass die Frage zum Statement wird und selbst gutgewillte Zuschauer dies nur noch als unsachlich empfinden, dann findet dort eine Grenzüberschreitung statt, die dem Journalismus nicht zuträglich ist. Und schließlich Populisten sogar Mitleid und Zulauf sichert.

Bislang war die Bereitschaft, demütig Fehler zuzugeben, nicht allzu hoch entwickelt. Ja, eine große Glaubwürdigkeitsdebatte mag vielen Journalistinnen und Journalisten nicht gerecht werden, die gewissenhaft recherchieren, korrekt informieren, engagiert kommentieren und Unkorrektheiten aufdecken, aber sie muss geführt werden. Wenn nicht, sind solche Vorfälle nicht nur weitere Munition für Skeptiker tradierter Medien, sondern erschüttern auch das Grundvertrauen derjenigen, die ihr Geld mit Freude in eine Zeitung stecken oder sogar gerne den Rundfunkbeitrag zahlen. Deshalb setzt der „Spiegel“ mit seiner Transparenz-Offensive ein wichtiges Zeichen.

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