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Es gibt keine Alternative zur Südumfliegung, sagt der „Vater“ der Route, Thomas Jühe

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Thomas Jühe ist sozusagen der „Vater“ der Südumfliegung, so wie sie derzeit geflogen wird. Wir sprachen mit dem Chef der Fluglärmkommission, wie es nach dem jüngsten Gerichtsurteil weitergeht – und was an Lärmreduzierung überhaupt noch möglich ist.

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RAUNHEIM/FRANKFURT – Thomas Jühe ist der „Vater“ der Südumfliegung, so wie sie derzeit geflogen wird. Wir sprachen mit dem Chef der Frankfurter Fluglärmkommission, wie es nach dem jüngsten Gerichtsurteil weitergeht – und was an Lärmreduzierung überhaupt noch möglich ist.

Herr Jühe, der hessische Verwaltungsgerichtshof hat die Südumfliegung für rechtmäßig erklärt. Sie sind Vorsitzender der Fluglärmkommission. Die Kommission hatte diese Route empfohlen. Fühlen Sie sich bestätigt?

Wir fühlen uns bestätigt, denn es gab offensichtlich keine andere Flugroute, die weniger Lärm bedeutet hätte und gleichzeitig einen flüssigen Flugbetrieb ermöglicht hätte.

Geht es womöglich auch darum, dass die Airlines meutern würden? Steileres Starten, wie von den Klägern vorgeschlagen, würde auch die Kerosinkosten hochtreiben.

Das kann ich ausschließen. Der Vorschlag der Anwälte hatte ja vorgesehen, dass die Flugzeuge, die 3048 Meter erreicht haben, am Rhein nach Norden abdrehen, die anderen weiterfliegen und später ebenfalls abdrehen. Es wäre ein immenser Aufwand für die Fluglotsen, zu unterscheiden zwischen Jets, die das schaffen und denen, die das nicht schaffen. Auch hängt das Steigen noch von anderen Faktoren ab, etwa Witterung und Beladung. Das war einfach zu komplex angelegt von den Klägern.

Das Gericht hat die Revision zugelassen. Gibt es noch einen Funken Hoffnung für die Kläger?

Die Spielräume werden immer enger. Schon das Bundesverwaltungsgericht hatte enge Grenzen gezogen, der VGH Kassel hat sie noch enger ausgestaltet.

ZUR PERSON

Er gilt als einer der profundesten Kenner des Frankfurter Flughafens und der Lärmthematik: Thomas Jühe, Bürgermeister in Raunheim (SPD). Jühe ist seit 15 Jahren Vorsitzender der Frankfurter Fluglärmkommission, in der auch viele Kommunen aus dem Rhein-Main-Gebiet sitzen. Sie berät die Behörden bei der Flugroutengestaltung. (Foto: Jens Etzelsberger)

Die Südumfliegung als Prinzip – Abfliegen in einem Bogen nach Südwesten, keine Doppelbelastung für Raunheim, Rüsselsheim und Flörsheim – ist ja vom Gericht bestätigt worden. Ist nicht das Grundproblem ein völlig verkorkster Flughafenausbau mit vier Pisten, die kreuz und quer liegen und teils noch Flugbeschränkungen haben?

Da stimme ich Ihnen im Prinzip zu, nicht aber Ihrer Schlussfolgerung…

… dass man drei oder vier Parallelbahnen hätte bauen müssen…

Sie meinen die sogenannte Atlanta-Variante. Der Grund, dass alles so verkorkst ist, ist eine Siedlungsstruktur, die es einfach nicht möglich macht, ein solches System von Parallelbahnen zu betreiben. Neu-Isenburg hätte man dann praktisch umsiedeln müssen, Rüsselsheim wäre unbewohnbar geworden. Wenn man das große Konzept wollte, müsste man den Flughafen komplett verlegen, etwa in die südliche Wetterau.

Ein Knackpunkt bleibt, dass Südumfliegung und Startbahn West nicht unabhängig voneinander betrieben werden können. Wird das jemals aufgelöst werden können?

Daran wird gearbeitet, es gibt ein neues Verfahren, mit dem die Kurven genauer geflogen werden können. 63 Prozent der Flugzeuge, die auf der Südumfliegung fliegen, können das bereits. Das Risiko, dass Jets „überschießen“ Richtung Startbahn West und der Lotse im Tower in Ohnmacht fällt, wurde drastisch vermindert.

Kann man über Flugverfahren und neue Technologien überhaupt noch etwas an Lärmreduzierung rausholen?

Wir werden da nur weiterkommen, wenn wir das Luftverkehrsgesetz ändern. Ausstattungsmerkmale in Flugzeugen, die wir zum lärmmindernden Fliegen brauchen, müssen vorgeschrieben werden. Das dürfen wir derzeit nicht. Wir können Flugverfahren nicht vorschreiben, weil man auf den letzten Flieger mit der ollsten Ausstattung Rücksicht nehmen muss. So bekommen wir den Frankfurter Flughafen nicht so leise, wie wir brauchen.

Was meinen Sie konkret?

Das heißt, wir wollen für bestimmte Strecken bestimmte Flugverfahren vorschreiben. Dazu braucht man eine bestimmte Ausstattung in den Jets. Airlines, die das nicht haben, können dann eben nicht über diese Abflugstrecke raus und muss womöglich über eine unattraktive, längere Route geschickt werden. Das wird nicht im Interesse der Airlines sein.

Das Interview führte Markus Lachmann.

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