Wissen und Technik

Doktorarbeiten ohne Scham untersuchen

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Plagiatsjäger wollen viele nicht korrekte Zitationen in Franziska Giffeys Dissertation entdeckt haben. Auch Nicht-Politiker gehören geprüft. Ein Kommentar.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD)

Prüfen und gegebenenfalls die Konsequenzen ziehen – das ist an deutschen Unis keineswegs selbstverständlich. Zumindest untersucht die FU Berlin die Doktorarbeit von Franziska Giffey, nachdem Plagiatsjäger in mehreren Dutzend Fällen nicht korrekte Zitationen entdeckt haben wollen. Auch hat die FU die Dissertation des Berliner CDU-Politikers Frank Steffel geprüft und erkannte ihm den Doktor wegen Täuschungen ab.

Aber eine Mehrheit der Fachbereiche geht Hinweisen nicht nach, selbst wenn diese erdrückend scheinen – sofern es sich nicht um Dissertationen prominenter Politiker handelt. Oder dem Promovierten wird bloß eine „Rüge“ erteilt. An der TU Berlin erlaubte ein Fachbereich einem Doktorierten, falsche Zitate zu korrigieren und die Arbeit noch einmal einzureichen.

Wissenschaft nicht zur Esoterik machen

Scheuen die zuständigen Kommissionen den Arbeitsaufwand? Schämen sie sich, den Betrug nicht rechtzeitig erkannt zu haben? Wollen sie die Doktoreltern, so sie noch am Fachbereich aktiv sind, nicht mit peinlichen Investigationen verärgern? Oder denken sie gar, bei einer von jährlich bundesweit etwa 25 000 Promotionen komme es nicht so genau drauf an?

Das wäre verheerend. Dissertationen sind ein Stück Wissenschaft. Das Wesen der Wissenschaft besteht darin, dass bei der Suche nach Erkenntnissen methodischen Standards gefolgt werden muss. Damit Ergebnisse diskutiert werden können, muss zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar sein, wie es zu den Aussagen gekommen ist und wer spricht. Erklären Wissenschaftler Täuschungen in einer Dissertation zu Bagatellen, machen sie Wissenschaft zu Esoterik.

Fragwürdig ist es darum, dass Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor drei Jahren von der Medizinischen Hochschule Hannover vom Plagiatsvorwurf mit dem Argument freigesprochen wurde, die betroffenen Stellen hätten sich überwiegend in der Einleitung befunden. Ganz so, als würden die Standards in Einleitungen von Dissertationen weniger gelten als in ihrem Hauptteil.

Skandalös war es, wie zig namhafte Professoren im Plagiatsfall Schavan versuchten, die zur Aufklärung verpflichtete Uni Düsseldorf einzuschüchtern. Schavans Draht zur Kanzlerin erschien weit wichtiger als ihr Verstoß gegen die Kernwerte der Wissenschaft.

Natürlich erschöpfen sich die Probleme der Wissenschaft nicht in plagiierten Dissertationen. Davon künden weltweit große Fälschungsskandale und die Tatsache, dass massenhaft Studien publiziert werden, die nicht replizierbar sind, die also bei Wiederholung nicht zum berichteten Ergebnis führen. Doch wie soll der Wissenschaft auf diesen schwierigen Gebieten Fortschritt zugetraut werden, wenn viele Professoren schon einfache Plagiatsfälle nicht angehen wollen?

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