Wissen und Technik

„Danke, FU!“

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Am 4. Dezember 1948 wurde die FU Berlin gegründet. Prominente Absolventinnen und Absolventen gratulieren ihrer Alma Mater.

Freie Wissenschaft. Die Gründung einer „Freien Universität“ durch Studierende und Wissenschaftler in West-Berlin wurde nötig, weil…

Seyran Ates, Rechtsanwältin
Die „Freie Universität“, der Name ist Programm. Als ich 1983 anfing, Rechtswissenschaften zu studieren, war ich in einer Welt angekommen, die mir bis dahin absolut unbekannt war. Eine freie akademische Welt. Meine Eltern waren arme einfache Arbeiter, die kaum Deutsch sprachen. Ich war eine der wenigen „Ausländerinnen“, die studierten, und dann auch noch Rechtswissenschaften. Die Freiheit des Geistes und der Lehre war so sehr zu spüren in den heiligen Hallen der FU, dass man schon sehr verbohrt sein musste, um sich dieser Freiheit nicht hinzugeben.

Seyran Ates.

Wir waren circa 500 Studierende in den meisten Vorlesungen, es fühlte sich manchmal wie eine Demonstration an, die es zu der Zeit in Hülle und Fülle gab. Oft von Studenten organisiert. Streiks und Proteste waren nahezu unser Alltag. Dennoch haben wir viel gelernt, vor allem auch für das Leben. Das klingt abgedroschen, ist aber wahr. Als ich studierte, standen die akademische Unabhängigkeit und das selbstständige, selbstverantwortliche Lernen im Mittelpunkt. Man mag mich bitte korrigieren, heute scheinen mir die Universitäten sehr verschult. Das ist sehr schade.

Ich gratuliere der FU zum 70-Jährigen und hoffe weiter auf ihr Motto, eine „Freie Universität“ zu sein.

Seyran Ates studierte ab 1983 Rechtswissenschaft an der FU und konnte das Studium aufgrund eines schweren Attentats auf sie erst 1997 beenden.

Eckart von Hirschhausen.

Eckart von Hirschhausen, Kabarettist
Als Jahrgang 1967 hat es bei mir zu einem Alt-68er nie gereicht. Aber ich erinnere mich lebhaft an eine Freie Universität, die sich eingemischt hat: Die Philosophen kämpften für den Frieden und wir Medizinstudierende für einen Reformstudiengang. Ich wünsche zum Jubiläum allen freien Geistern, diese Kraft wiederzuentdecken. Denn wir brauchen mehr öffentliche Intellektuelle, die ihre öffentlich finanzierte Möglichkeit, sich Gedanken zu machen, auch für das Gemeinwohl einsetzen. Es war einmal eine Ehre, wenn man Arzt werden durfte. Ohne überheblich zu klingen: Das waren die hellsten Köpfe eines jeden Jahrgangs.

Wer in meiner Abiturklasse nicht so richtig wusste, wohin mit sich, studierte erst einmal BWL. Wer hat heute im Gesundheitswesen das Sagen? Die BWLer! Irgendwas ist da furchtbar schiefgelaufen. Und die späte Rache der Mittelbegabten ist grausam: Sie schreiben jetzt den Ärzten vor, welche Operationen sich lohnen, unabhängig von Evidenz und Nutzen für den Patienten. Der ungehemmte Primat der Ökonomie hat nicht nur die Humanmedizin inhuman gemacht – er droht ganz konkret mit grenzenlosem Wachstum bei endlichen Ressourcen diesen Planeten zu zerstören. Wir sind die intelligenteste Art auf dem Planeten und zerstören unser eigenes Zuhause.

Unsere Mutter Erde hat Fieber. Sie steht kurz vor dem „Multi-Organversagen“ von sauberer Luft, trinkbarem Wasser, Artenvielfalt und fruchtbarem Boden. Ein absoluter Notfall, in dem wir alles dafür tun müssen, Leben zu retten. Unser eigenes und das unserer Kinder und Enkel. Dafür brauchen wir mutige und kluge Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich einmischen und ihren Kopf verwenden. Denn der funktioniert nur bis 41 Grad.

Das durfte ich bei dir im ersten Semester lernen. Danke, FU!

Eckart von Hirschhausen studierte von 1986 bis 1992 Medizin in Berlin, London und Heidelberg und 1994/95 Wissenschaftsjournalismus in Berlin.

Franziska Giffey.

Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Wenn ich als Neuköllner Europabeauftragte zum nebenberuflichen Promotionsstudiengang nach Berlin-Dahlem gefahren bin, kam es mir manchmal so vor, als würde ich in eine andere Stadt fahren. Die Gebäude, die Menschen, die ruhige Atmosphäre an der Freien Universität habe ich immer sehr geschätzt. Ein weltfremder Elfenbeinturm aber ist die Freie Universität nicht: Als Doktorandin habe ich mich dort mit der Frage beschäftigt, wie die Europäische Union die Bürgerinnen und Bürger besser einbeziehen kann. Solche Fragen dürfen nicht im akademischen Raum bleiben. Sie müssen an der Universität, in der Stadt und in der Politik diskutiert werden. Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit: Der Gründungsimpuls von 1948 passt auch heute zu einer Stadt, die im Zentrum politischer Umbrüche steht und Menschen aus aller Welt anzieht.

Die Politik verdankt der Freien Universität viele Anregungen, Forschungsgeist, internationalen Austausch und manch harte Kritik. Aber wie sagte George Orwell: „Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Ich wünsche der Freien Universität Berlin alles Gute und dass sie ihren freien, kritischen, demokratischen Geist bewahrt.

Franziska Giffey war zwischen 2005 und 2009 Promovendin am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Ihre Dissertation trägt den Titel: „Europas Weg zum Bürger. Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft am Beispiel von Berlin-Neukölln“.

Elke Heidenreich.

Elke Heidenreich, Literaturkritikerin
Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich ja älter bin als meine Universität – ich war schon ein paar Jahre auf der Welt, als sie gegründet wurde. Es war meine dritte Uni, nach München und Hamburg, denn in Berlin musste man in den sechziger Jahren warten, bis man endlich aufgenommen wurde. 1965 kam ich als weitgehend unpolitische Studentin an die FU – und dieses Jahr sollte mein 1968 werden: Ich nahm an meiner allerersten Demo teil: Am 8. Mai 1965, zwanzig Jahre nach der Kapitulation, sollte der Journalist Erich Kuby zu diesem Thema reden und wurde vom Rektorat der Uni mit Haus- und Redeverbot belegt.

Wir protestierten zu Hunderten dagegen, und in den nächsten Monaten spitzte sich die Atmosphäre immer mehr zu. Ich begann wie viele andere auch, politisch zu denken, damit begann auch die Lösung vom Elternhaus. Wolfgang Lefèvre und Peter Damerow waren damals AStA-Vorsitzende der FU und entwarfen einen Appell für Frieden in Vietnam. An der ersten großen Vietnam-Demonstration nahmen schon nicht mehr Hunderte, sondern Tausende Studenten teil – es war diese berühmte Demo, bei der das Amerikahaus mit Eiern beworfen wurde.

Wir wissen, wie es weiterging: Der Rektor der FU distanzierte sich von seinen Studenten, Rudi Dutschke rief die APO aus, und kurz bevor ich zurück an die Universität München ging, fand in der FU das erste Sit-in statt, eine Protestform aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Wer an so etwas teilgenommen hat, der ist verändert. Ich würde sagen: Wir damaligen FU-Studenten haben noch Biografien, wo heute eher Karrieren zählen. Vielleicht müssten wir mal wieder im großen Stil Eier schmeißen.

Elke Heidenreich studierte von 1963 bis 1969 in München, Hamburg und Berlin Germanistik, Publizistik, Theatergeschichte und Religionswissenschaft.

Eberhard Diepgen.

Eberhard Diepgen, CDU-Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin

An der FU wurden Weichen für mein Leben gestellt. Nicht in Fachvorlesungen und Seminaren. Damals gab es noch überfüllte Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten im Henry-Ford-Bau. Als Studienanfänger lehnte ich noch jede parteipolitische Bindung ab, so bei der ersten Wahl zum Studentenparlament. Dann trieben mich SDS und „linke“ studentische Koalitionen mit ihren Unterstützungen aus der Professorenschaft aus Protest in die damals wirklich konservative CDU. Im überfüllten Audimax wurde man schon niedergebrüllt, wenn man im Verdacht einer vom Mainstream abweichenden Meinung stand. Jüdische Reimmigranten wie Richard Löwenthal sahen Parallelen zu 1933. Mit dem Mythos ’68 wird das heute gerne verschwiegen. Ich lernte, dass man in einer Masse nicht mitschwimmen muss. Die FU war eine Gründung demokratisch gesinnter Studenten gegen kommunistische Gängelei. Das prägte sie am Anfang.

Dann gab es ein Auf und Ab in ihrer hochschulpolitischen Entwicklung und es gab Phasen, da war die politische Meinung in Forschung und Lehre wichtiger als Qualität. Heute steht die FU gut da im bundesdeutschen Exzellenzwettbewerb. Also beim Blick über die ganzen 70 Jahre ein Anlass zur Gratulation.

Etwas weniger Reglementierung, etwas mehr Freiraum für den Blick über enge Fachgrenzen wünsche ich mir allerdings für die Studenten von heute.

Eberhard Diepgen studierte zwischen 1960 und 1967 Rechtswissenschaft an der FU. Anfang 1963 war er 17 Tage lang AStA-Vorsitzender.

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